Der Glaube an die Vorherbestimmung (Die sechs Säulen des Glaubens)

Der Glaube an die Vorherbestimmung

Was der Glaube an die Vorherbestimmung bedeutet:

Es bedeutet, fest davon überzeugt zu sein, dass das Gute und Schlechte nur durch Allahs Schicksal und Seine Vorherbestimmung geschehen. Und es bedeutet, dass Allah tut, was Er will. Nichts geschieht außer mit Seinem Willen. Nichts existiert, was außerhalb Allahs Willen bestünde. Es gibt nichts auf der Welt, was außerhalb Seiner Bestimmung besteht. Alle Geschehnisse sind unter der Leitung Allahs. Dennoch erteilte Allah Seinen Dienern Befehle und Verbote. Er erschuf sie mit einem freien Willen, sodass sie ihre Handlungen selbst wählen können und nicht dazu gezwungen sind. Vielmehr ergeben sich nur die Handlungen, die sie tun wollen und können. Doch Allah ist ihr Schöpfer und der Schöpfer ihres Könnens. Er leitet recht, wen Er will, durch Seine Barmherzigkeit und Er lässt in die Irre gehen, wen Er will, durch Seine Allweisheit. Er wird nicht befragt nach dem, was Er tut; sie aber werden befragt.

Der Glaube an Allahs Vorherbestimmung ist eine der Säulen des Glaubens. Als der Engel Gabriel zum Propheten (Allahs Friede auf ihm) kam und ihn über den Glauben fragte, antwortete er: „Es ist, dass du an Allah glaubst, an Seine Engel, an Seine Bücher, an Seine Gesandten und an den Jüngsten Tag, und dass du an die Vorherbestimmung glaubst, mit ihrem Guten und ihrem Schlechten.“ (Muslim Hadith Nr. 8)

Was beinhaltet der Glaube an die Vorherbestimmung?

Der Glaube an die Vorherbestimmung beinhaltet folgende vier Angelegenheiten:

Es gibt nichts im Universum, was außerhalb der Bestimmung Allahs besteht.

  • Es beinhaltet den Glauben, dass Allah, der Erhabene sowohl über die Gesamtheit jeder Sache als auch über ihre Details Bescheid weiß. Allah, der Erhabene wusste bereits über Seine gesamten Geschöpfe Bescheid, bevor Er sie überhaupt erschaffen hatte. Er kannte ihre Versorgung, ihre Lebensdauer, ihre gesprochenen Worte und ihre begangenen Taten. Er hatte Kenntnis über all ihre Bewegungen und Nichtbewegungen. Er kannte ihre innersten Geheimnisse und ihr Offenkundiges. Er wusste, wer von ihnen zu den Bewohnern des Paradieses und wer von ihnen zu den Bewohnern des Höllenfeuers gehören wird. Allah, der Erhabene sagte: Er ist Allah, außer Dem es keinen (anbetungswürdigen) Gott gibt, der Kenner des Verborgenen und des Offenbaren. (Sure 59 al-Ḥašr Vers 22)
  • Es beinhaltet den Glauben, dass Allah, der Erhabene bereits wusste, was alles geschehen wird und dies auf der wohlverwahrten Tafel niederschrieb. Der Beweis hierfür liefert der folgende Vers, in dem Allah, Preis sei Ihm und Erhaben ist Er, sagte: Es geschieht kein Unheil auf Erden oder an euch, das nicht in einem Buch (verzeichnet) wäre, bevor Wir es ins Dasein rufen. (Sure 57 al-Ḥadīd Vers 22) Und der Prophet (Allahs Segen und Friede auf ihm) sagte: „Allah schrieb nieder, was für die Schöpfung bestimmt war, fünfzigtausend Jahre bevor Er die Himmel und die Erde erschuf.“ (Muslim Hadith Nr. 2653)
  • Es bedeutet, daran zu glauben, dass Allahs Wille geschieht und von nichts und niemandem aufgehalten werden kann. Ebenfalls bedeutet es, zu verinnerlichen, dass sich nichts der Allmacht Allahs entziehen kann. Alles, was geschieht, geschieht nur mit Allahs Willen und Seiner Allmacht. Was Er will, das geschieht und was Er nicht will, das geschieht nicht. Allah, der Erhabene sagte: Und ihr könnt nicht wollen, außer dass Allah will, (Er), der Herr der Weltenbewohner. (Sure 81 at-Takwīr Vers 29)
  • Es beinhaltet, daran zu glauben, dass Allah, der Erhabene alles Existierende hat entstehen lassen, und dass Allah der einzige Schöpfer ist, der alles erschaffen hat, und dass alles außer Ihm ein geschaffenes Geschöpf ist, und dass Allah zu allem die Macht hat. Allah, Preis sei Ihm und Erhaben ist Er, sagte: Er (ist es), Der alles erschaffen und ihm dabei sein rechtes Maß gegeben hat. (Sure 25 al-Furqān Vers 2)

Der Mensch besitzt Entscheidungsmöglichkeiten, eigene Fähigkeiten und einen freien Willen:

Der Glaube an die Vorherbestimmung widerspricht nicht der Tatsache, dass der Mensch eine freie Wahl in seinen Tätigkeiten hat und die Fähigkeit besitzt, diese selbstständig auszuführen. Es gibt viele Belege dafür, dass der Mensch Willensfreiheit und Handlungsfähigkeit besitzt, die sowohl im islamischen Recht als auch in der Realität vorzufinden sind.

Was die Beweise des islamischen Rechts betrifft, so sagte Allah, der Erhabene über den freien Willen: Das ist der wahrhaftig (eintreffende) Tag. Wer nun will, nimmt zu seinem Herrn eine Heimkehr. (Sure 78 an-Nabaʾ Vers 39)

Und Allah, der Erhabene sagte über die Fähigkeit, etwas zu leisten: Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag. Ihr kommt (nur) zu, was sie verdient hat, und angelastet wird ihr (nur), was sie verdient hat. (Sure 2 al-Baqara Vers 286) Mit „zu leisten vermag“ ist gemeint, dass der Mensch die Macht und die Fähigkeit besitzt, etwas zu vollbringen.

Was die Realität betrifft, so weiß jeder Mensch, dass er einen freien Willen und persönliche Fähigkeiten besitzt, nach denen er handelt oder aber es unterlässt. Der Mensch kann sehr wohl unterscheiden zwischen Dingen, die er willentlich tut, wie z.B. das Unternehmen eines Spaziergangs und Dingen, die er nicht willentlich tut, wie z.B. das unwillkürliche Zittern oder das plötzliche Stürzen auf den Boden. Allerdings geschehen der Wille und die Fähigkeit des Menschen nur durch den Willen Allahs und Seiner Allmacht. So sagte Allah, Preis sei Ihm und Erhaben ist Er: … für jemanden von euch, der sich recht verhalten will. Und ihr könnt nicht wollen, außer dass Allah will, (Er), der Herr der Weltenbewohner. (Sure 81 at-Takwīr Vers 28-29) Allah, der Erhabene hat in diesem Vers bestätigt, dass der Mensch seinen eigenen Willen besitzt. Darauf bestätigte Er, dass der Wille des Menschen dem Willen von Allah, dem Gepriesenen untergeordnet ist. Denn die Herrschaft über alles im Universum und alles Existierende gehört Allah. Deshalb kann nichts in Seiner Herrschaft ohne Sein Wissen und Seinen Willen geschehen.

Die Vorherbestimmung als Ausrede benutzen:

Bei den Aufgaben, die Allah den Menschen übertrug, sowie bei den Pflichten und Verboten sind zwei Faktoren des Menschen von entscheidender Bedeutung: seine Fähigkeit und seine Entscheidungsmöglichkeit. Folglich wird derjenige, der Gutes tut, dafür belohnt, weil er den Weg der Rechtleitung gewählt hat. Und derjenige, der Schlechtes tut, dafür bestraft, weil er den Weg der Irrleitung gewählt hat.

Allah, Preis sei Ihm und Erhaben ist Er, hat uns nur Aufgaben aufgetragen, die in unseren Kräften und Möglichkeiten liegen und die wir erfüllen können. Er akzeptiert von niemanden, dass er die Anbetung Allahs unterlässt und darauf die Vorherbestimmung als Ausrede für den unterlassenen Gottesdienst nennt.

Außerdem, ist es denn nicht so, dass der Mensch bevor er die Sünde begeht, überhaupt nicht weiß, was Allah, der Erhabene bereits wusste und vorherbestimmte? Allah, der Erhabene gab dem Menschen die Fähigkeit, sich frei zu entscheiden. Er zeigte ihm den Weg zum Guten und zum Schlechten. Wenn sich nun der Mensch widersetzt und sündigt, so hat allein er die Sünde gewählt und sie über den Gehorsam bevorzugt. Deshalb muss er die Konsequenz für die begangene Sünde tragen.

Durch den Glauben an die Vorherbestimmung erzielt man folgenden großen Gewinn:

Der Glaube an die Vorherbestimmung bringt viele Vorteile mit sich, von denen der Mensch in seinem Leben profitieren kann. Dazu gehören:

  1. Die Vorherbestimmung ist eine der größten treibenden Kräfte, die den Menschen zu mehr Handlung, Aktivität und Leistung bewegt, wodurch sie in diesem Leben das Wohlgefallen Allahs erreichen können. Den Gläubigen wurde befohlen, all ihre zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen und gleichzeitig auf Allah, den Erhabenen zu vertrauen und dabei fest davon überzeugt zu sein, dass die Mittel nicht zum Ergebnis führen werden, außer mit Allahs Erlaubnis. Denn Allah ist Derjenige, Der sowohl die Mittel als auch die Ergebnisse erschaffen hat. Der Prophet (Allahs Segen und Friede auf ihm) sagte: „Sei auf das bedacht, was dir nützt! Suche Hilfe bei Allah und sei nicht nachlässig darin, nach dem Nutzen zu trachten! Wenn dir etwas geschieht, sag nicht: „Hätte ich (bloß) so und so gehandelt, dann wäre dies und jenes geschehen, sondern sag: „Allah hat es bestimmt und Er macht, was Er will.“ Denn (das Wort) „Hätte“ und „Wäre“ öffnen dem Satan den Weg zur Arbeit (des Einflüsterns).“ (Muslim Hadith Nr. 2664)

  2. Der Mensch erkennt hierdurch sich selbst und schätzt sich besser ein. Er benimmt sich nicht hochmütig oder arrogant, weil er weder seine Vorherbestimmung noch seine Zukunft kennt. Somit gesteht der Mensch ein, dass er schwach ist und dass er seinen erhabenen Herrn, Allah immer braucht. Es ist so, dass der Mensch oft, wenn ihm etwas Gutes widerfährt, übermütig auftritt und sich davon täuschen lässt. Und wenn ihm etwas Schlechtes widerfährt oder ein Unheil trifft, ist er voller Sorge und Trauer. Nichts schützt den Menschen vor Übermut und Übertretung, sobald ihm Gutes zustößt, und nichts verhindert seine verzweifelte Trauer, sobald ihm Schlimmes zustößt, außer der Glaube an die Vorherbestimmung und die Erkenntnis, dass alles, was passiert, Schicksal ist und dass Allah, der Erhabene bereits wusste, was alles geschehen wird.

  3. Durch den Glauben an die Vorherbestimmung kann man die widerwärtige menschliche Eigenschaft „Neid“ loswerden. Ein Gläubiger darf nicht auf andere Menschen neidisch sein, nur weil sie etwas haben, das ihnen Allah von Seiner Huld gegeben hat. Denn Derjenige, Der sie damit versorgte und für sie bestimmte, war Allah, der Erhabene. Der Gläubige weiß, dass er durch den Neid zwangsläufig ausdrückt, dass er gegen Allahs Vorherbestimmung und Sein Schicksal Einwände hat.

  4. Der Glaube an die Vorherbestimmung stärkt das Herz und ermutigt den Menschen, sich schwierigen Herausforderungen zu stellen. Außerdem stärkt er den Willen und die Entschlossenheit, weil man hierdurch zu der Überzeugung gelangt, dass die Lebenszeit und die Versorgung bereits vorbestimmt sind, und dass dem Menschen nur das treffen wird, was Allah für ihn bestimmt hat.

  5. Der Glaube an die Vorherbestimmung verankert in der Seele des Gläubigen die vielfältigen Wahrheiten des Glaubens. So ist der Gläubige jemand, der sich immer an Allah wendet und Ihn um Hilfe bittet. Er verlässt sich auf Allah, vertraut auf Allah und setzt gleichzeitig all seine zur Verfügung stehenden Mittel ein. Außerdem gesteht er immer wieder ein, dass er Allah braucht und auf Ihn angewiesen ist. Deshalb fleht der Muslim Allah an, ihm zu helfen, standfest zu bleiben.

  6. Der Glaube an die Vorherbestimmung bringt innere Seelenruhe. Der Gläubige weiß, dass das, was ihn getroffen hat, ihn nicht verfehlen sollte, und das, was ihn verfehlt hat, ihn nicht hat treffen sollen.